Fachartikel
Im Leistungssport wurde das Ausbleiben der Menstruation lange als beinahe normale Begleiterscheinung harten Trainings behandelt. Heute ist klar: Eine ausbleibende oder deutlich veränderte Menstruation kann auf eine gestörte reproduktive Funktion und problematisch niedrige Energieverfügbarkeit hinweisen. Sie ist kein Beweis für besondere Disziplin und kein Preis, den eine Athletin für Leistung zahlen muss.
Gleichzeitig ist nicht jede Zyklusveränderung REDs. Schwangerschaft, polyzystisches Ovarialsyndrom, Schilddrüsenerkrankungen, Medikamente, Perimenopause und weitere Ursachen müssen berücksichtigt werden. Der Zyklus ist ein wichtiges Signal, keine Selbstdiagnose.
Energieverfügbarkeit statt nur Körpergewicht
Energieverfügbarkeit beschreibt vereinfacht, wie viel Nahrungsenergie nach Abzug der Trainingsenergie für die übrigen Körperfunktionen bleibt. Bei länger andauernder Unterversorgung kann der Körper Energie sparen und unter anderem die hypothalamisch-hypophysär-ovarielle Achse drosseln.
Das kann bei niedrigem, normalem oder höherem Körpergewicht auftreten. Eine stabile Zahl auf der Waage schliesst niedrige Energieverfügbarkeit nicht aus, weil sich Stoffwechsel, spontane Aktivität, Wasser und Körperzusammensetzung verändern können. Entscheidend ist das Muster aus Ernährung, Training und Körperreaktion.
Welche Veränderungen Aufmerksamkeit verdienen
Unregelmässige Zyklen, deutlich längere Abstände, das Ausbleiben mehrerer Blutungen oder eine ausbleibende erste Menstruation gehören abgeklärt. Auch starke Veränderungen gegenüber dem persönlichen Normalzustand sind relevant. Der IOC-Konsens führt funktionelle hypothalamische Amenorrhoe als wichtigen REDs-Indikator auf, verlangt aber eine klinische Ausschlussdiagnostik.
Begleitzeichen können Stressverletzungen, Leistungsabfall, ungewöhnlich lange Erholung, häufige Infekte, Kälteempfindlichkeit, Schlafprobleme oder Stimmungsschwankungen sein. Kein einzelnes Zeichen beweist REDs; mehrere zusammen erhöhen die Dringlichkeit.
Hormonelle Verhütung verändert die Beobachtung
Eine Blutung unter kombinierter hormoneller Verhütung ist eine Entzugsblutung und nicht dasselbe wie ein natürlicher ovulatorischer Zyklus. Hormonelle Methoden können zyklusbezogene Hinweise auf Unterversorgung maskieren. Das bedeutet nicht, dass sie grundsätzlich ungeeignet sind, sondern dass zur Beurteilung andere Informationen wichtiger werden.
Trainingsverlauf, Knochenverletzungen, Libido, Essverhalten, Erholung und gegebenenfalls medizinische Marker müssen dann besonders sorgfältig betrachtet werden. Verhütung sollte nicht allein verschrieben werden, um eine unterversorgungsbedingte Amenorrhoe optisch zu „reparieren“.
Knochen brauchen mehr als Calcium
Östrogen, Energieverfügbarkeit, Protein, Calcium, Vitamin D und mechanische Belastung wirken gemeinsam auf Knochen. Bleibt die Menstruation aufgrund funktioneller hypothalamischer Amenorrhoe aus, kann die Knochengesundheit leiden. Stressreaktionen und Stressfrakturen sind deshalb ernst zu nehmen.
Ein Calciumpräparat löst das Grundproblem nicht, wenn dauerhaft zu wenig Energie aufgenommen wird. Ebenso reicht „mehr essen“ als pauschaler Rat nicht immer aus: Angst vor Gewichtszunahme, Essstörungssymptome, Appetitmangel, Verdauungsprobleme oder hoher Trainingsdruck können professionelle Unterstützung erfordern.
Vegane Ernährung ist nicht die Ursache – kann aber Planung verlangen
Eine vegane Ernährung verursacht nicht automatisch Zyklusstörungen. Problematisch kann eine sehr voluminöse, ballaststoffreiche und energiearme Auswahl werden, wenn sie den hohen Bedarf nicht deckt. Viele grosse Salate, Gemüse und Hülsenfrüchte können sättigen, bevor genug Energie aufgenommen wurde.
Energiedichtere Ergänzungen wie Nussmus, Öl, Brot, Reis, Pasta, Tofu, Tempeh, angereicherte Pflanzendrinks, Trockenfrüchte und Smoothies helfen, ohne die pflanzliche Qualität aufzugeben. Rund um Training können weniger ballaststoffreiche Kohlenhydratquellen sinnvoll sein.
Cycle Syncing nicht mit Zyklusbeobachtung verwechseln
Es ist sinnvoll, Symptome, Blutung, Wohlbefinden und Trainingsreaktion zu dokumentieren. Daraus kann eine individuelle Anpassung entstehen. Weniger gut belegt sind starre Pläne, nach denen alle menstruierenden Personen in jeder Phase identisch trainieren oder essen sollten.
Zykluslänge, Hormonverlauf, Symptome, Trainingsstatus und hormonelle Verhütung unterscheiden sich. Gruppenmittelwerte werden schnell zu Regeln überinterpretiert. Der persönliche Verlauf ist meist hilfreicher als eine App, die aufgrund eines Kalendertags eine harte oder lockere Einheit vorgibt.
Was eine Abklärung umfasst
Zuerst werden Schwangerschaft und medizinische Ursachen ausgeschlossen. Dazu können Anamnese, körperliche Untersuchung und je nach Situation Labor oder Bildgebung gehören. Ernährung, Trainingsbelastung, Gewichtsverlauf, Verletzungen und psychische Gesundheit werden gemeinsam betrachtet.
Der IOC REDs CAT2 ist für klinische Fachpersonen gedacht und führt mehrere Indikatoren zusammen. Ein einzelner Hormonwert oder eine App ersetzt diese Beurteilung nicht. Bei Essstörungsverdacht gehört psychologische beziehungsweise psychiatrische Expertise ins Team.
Wann Training angepasst werden muss
Bei deutlichen Warnzeichen, Stressfraktur, Kreislaufinstabilität, schwerer Unterversorgung oder akuter psychischer Gefährdung kann eine Trainingsreduktion oder Pause nötig sein. Das ist keine Niederlage, sondern Teil der Behandlung. Früh zu reagieren verkürzt häufig den Weg zurück.
Bei milderen Fällen werden Energiezufuhr, Kohlenhydratverfügbarkeit, Mahlzeitenrhythmus und Trainingslast schrittweise angepasst. Fortschritt zeigt sich nicht nur auf der Waage, sondern in Zyklus, Erholung, Stimmung, Verletzungsfreiheit und Leistung.
Rückkehr des Zyklus braucht Geduld
Der Körper reagiert nicht wie ein Lichtschalter. Selbst wenn Energiezufuhr und Training verbessert werden, kann es dauern, bis ein regelmässiger ovulatorischer Zyklus zurückkehrt. Eine einzelne Blutung beweist noch keine vollständige hormonelle Erholung. Verlauf und medizinische Begleitung bleiben wichtig.
Gleichzeitig darf das Warten nicht zur Begründung werden, Warnzeichen monatelang zu beobachten. Je länger Amenorrhoe, Knochenschmerzen oder andere REDs-Signale bestehen, desto wichtiger ist die strukturierte Abklärung. Ziel ist nicht nur, eine Blutung zu erzeugen, sondern Gesundheit, Energieverfügbarkeit und Belastbarkeit wiederherzustellen.
Blutungen sind nicht bei allen gleich leicht sichtbar
Hormonelle Verhütung, unregelmässige Ausgangszyklen, Perimenopause und gynäkologische Erkrankungen erschweren die Interpretation. Auch Athlet:innen ohne Uterus oder mit geschlechtsangleichender Hormontherapie benötigen eine individuell passende REDs-Beurteilung. Niedrige Energieverfügbarkeit betrifft nicht nur ein Menstruationsmuster; Knochen, Stoffwechsel, Immunsystem und Psyche bleiben bei allen Geschlechtern relevant.
Fazit
Der Menstruationszyklus ist ein relevanter Gesundheitsmarker. Deutliche Veränderungen oder Ausbleiben werden nicht als Zeichen erfolgreichen Trainings gefeiert, sondern medizinisch eingeordnet. Ausreichende Energieverfügbarkeit schützt Reproduktion, Knochen, Regeneration und langfristige Leistung. Persönliche Beobachtung ist wertvoll – starres Cycle Syncing ersetzt keine Diagnostik.
Praktische Empfehlungen
Zyklus als Trainingssignal dokumentieren
1. Notiere Blutungsbeginn, Zykluslänge, auffällige Symptome und Veränderungen zum persönlichen Normalzustand.
2. Ergänze Trainingslast, Erholung, Schlaf, Infekte, Verletzungen und Ernährungsengpässe.
3. Suche bei ausbleibender Menstruation, wiederholt sehr langen Zyklen oder Stressverletzungen medizinische Hilfe.
4. Erhöhe bei steigendem Trainingsumfang gleichzeitig Energie- und Kohlenhydratzufuhr.
5. Nutze Zyklusdaten individuell und nicht als starre Phasenregel aus einer App.
Merksatz: Ein verlorener Zyklus ist kein Trainingsfortschritt, sondern ein Signal, das gehört werden muss.
Wissenschaftliche Quellen
- Mountjoy et al. (2023): IOC consensus statement on Relative Energy Deficiency in Sport — Originalquelle ↗
- Stellingwerff et al. (2023): IOC REDs Clinical Assessment Tool Version 2 — Originalquelle ↗
- Ackerman et al. (2023): Primary, secondary and tertiary prevention of REDs — Originalquelle ↗
- Gordon et al. (2017): Functional hypothalamic amenorrhea – Endocrine Society guideline — Originalquelle ↗
- McNulty et al. (2020): Menstrual cycle effects on exercise performance – systematic review and meta-analysis — Originalquelle ↗
- Logue et al. (2020): Low energy availability in athletes – review — Originalquelle ↗
