Fachartikel
Viel Training und kontrolliertes Essen gelten im Sport leicht als besondere Disziplin. Doch wenn nach Abzug der Trainingsenergie dauerhaft zu wenig Energie für die übrigen Körperfunktionen bleibt, kann aus Kontrolle eine Unterversorgung werden. Das IOC bezeichnet die möglichen gesundheitlichen und leistungsbezogenen Folgen als Relative Energy Deficiency in Sport, kurz REDs.
REDs betrifft Frauen und Männer, verschiedene Körperformen und nahezu jede Sportart. Ein niedriges Körpergewicht kann vorkommen, ist aber keine Voraussetzung. Entscheidend ist die Energieverfügbarkeit und wie die einzelne Person physiologisch darauf reagiert.
Energieverfügbarkeit ist nicht einfach die Kalorienbilanz
In der Forschung wird Energieverfügbarkeit als Nahrungsenergie minus Trainingsenergie bezogen auf die fettfreie Masse beschrieben. Das Modell fragt: Wie viel Energie bleibt dem Körper nach dem Training für Knochen, Hormone, Immunsystem, Verdauung, Regeneration und weitere Funktionen?
Diese Formel ist im Alltag schwer exakt zu berechnen. Energieaufnahme, Trainingsverbrauch und fettfreie Masse haben jeweils Messfehler. Ein einzelner errechneter Wert eignet sich deshalb nicht als Selbstdiagnose. Der aktuelle IOC-Konsens beschreibt niedrige Energieverfügbarkeit zudem als Kontinuum: Kurze, kontrollierte Phasen können adaptierbar sein; länger andauernde oder ausgeprägte Unterversorgung kann problematisch werden.
Wie Unterversorgung entsteht
Nicht jede betroffene Person verfolgt absichtlich eine restriktive Ernährung. Trainingsvolumen kann schneller steigen als Appetit und Mahlzeitenplanung. Reisen, Arbeit, frühe Einheiten oder Magenprobleme verkleinern Essensfenster. Eine sehr ballaststoffreiche vegane Ernährung kann sättigen, bevor genug Energie aufgenommen wurde.
Daneben gibt es bewusste Ursachen: Gewichtsreduktion, Druck durch Gewichtsklassen, ästhetische Ideale oder die Vorstellung, leichter bedeute immer schneller. Auch eine Essstörung kann beteiligt sein, muss es aber nicht. REDs und Essstörungen überschneiden sich teilweise, sind jedoch nicht dasselbe.
Mögliche Warnzeichen
Problematische niedrige Energieverfügbarkeit kann zahlreiche Systeme betreffen. Hinweise können sein:
- wiederkehrender Leistungsabfall oder fehlende Trainingsanpassung,
- ungewöhnlich lange Erholung, anhaltende Müdigkeit oder Reizbarkeit,
- häufige Infekte oder wiederkehrende Verletzungen,
- Knochenstressreaktionen oder Stressfrakturen,
- Menstruationsstörungen oder ausbleibende Menstruation,
- verringerte Libido oder Veränderungen von Sexualhormonen,
- Schlafprobleme, Konzentrationsabfall oder depressive Symptome,
- auffällige Eisenwerte, Kälteempfindlichkeit oder Magen-Darm-Beschwerden.
Keines dieser Zeichen beweist allein REDs. Schilddrüsenerkrankungen, Infekte, Anämie, psychische Erkrankungen und andere Ursachen können ähnlich aussehen. Die Stärke liegt im Muster und in der klinischen Abklärung, nicht in einem Online-Quiz.
Menstruation ist ein Gesundheitsmarker, kein Trainingsopfer
Ein ausbleibender Zyklus ist bei Athletinnen nicht „normal, weil viel trainiert wird“. Er kann auf eine gestörte hormonelle Achse und niedrige Energieverfügbarkeit hinweisen. Auch unregelmässige oder deutlich veränderte Zyklen verdienen Aufmerksamkeit.
Hormonelle Verhütung kann natürliche Zyklusveränderungen maskieren oder Blutungen erzeugen, die nicht dasselbe diagnostische Signal liefern. Deshalb werden Trainingsverlauf, Verletzungen, Ernährung und weitere Symptome gemeinsam betrachtet. Der separate Artikel zu Zyklus und Energieverfügbarkeit vertieft diesen Bereich.
Männer werden leicht übersehen
Bei Männern gibt es keinen monatlichen Zyklus als offensichtliches Warnsignal. Hinweise wie sinkende Libido, niedrige Testosteronwerte, Stimmungsschwankungen, Knochenschäden und unerklärlicher Leistungsabfall können weniger schnell mit Unterversorgung verbunden werden.
Gerade in Ausdauer-, Gewichts- und ästhetischen Sportarten kann ein sehr niedriges Körpergewicht positiv kommentiert werden, obwohl die Leistung bereits stagniert. Das macht eine sportartspezifische und geschlechterübergreifende Betrachtung wichtig.
Kohlenhydrate sind Teil der Diskussion
REDs dreht sich primär um Energieverfügbarkeit, aber aktuelle Forschung berücksichtigt auch niedrige Kohlenhydratverfügbarkeit. Wer harte oder lange Einheiten regelmässig mit zu wenig Kohlenhydraten absolviert, kann Trainingsqualität, Immun- und Knochenmarker sowie die Eisenregulation ungünstig beeinflussen – selbst wenn die rechnerische Tagesenergie nicht extrem niedrig erscheint.
Eine strategische lockere „Train-low“-Einheit ist daher nicht dasselbe wie chronisch zu wenig Kohlenhydrate. Periodisierung funktioniert nur, wenn Schlüsseltrainings, Gesamtenergie und Erholung zuverlässig versorgt sind.
Warum „einfach mehr essen“ manchmal nicht reicht
Die naheliegende Behandlung ist, Energiezufuhr zu erhöhen und gegebenenfalls Trainingslast zu reduzieren. Praktisch können jedoch Angst vor Gewichtszunahme, Magen-Darm-Beschwerden, eingeschränkter Appetit, Essstörungssymptome oder äusserer Leistungsdruck im Weg stehen. Dann braucht es ein Team aus Sportmedizin, qualifizierter Ernährungsberatung und bei Bedarf Psychologie beziehungsweise Psychiatrie.
Energiedichtere Lebensmittel, zusätzliche Snacks, flüssige Energie und weniger Ballaststoffe rund um Belastungen können die Aufnahme erleichtern. Bei veganer Ernährung eignen sich unter anderem Nussmus, Öl, Brot, Reis, Pasta, angereicherte Pflanzendrinks, Tofu, Tempeh, Trockenfrüchte und Smoothies. Die Auswahl bleibt individuell verträglich.
Diagnostik ist ein Mosaik
Der IOC REDs CAT2 nutzt einen dreistufigen klinischen Prozess: Screening, Schweregrad- beziehungsweise Risikobewertung und ärztliche Diagnose mit Behandlungsplan. Mehrere Indikatoren werden zusammengeführt. Es gibt keinen einzelnen Blutwert, Scan oder Fragebogen, der REDs sicher bestätigt oder ausschliesst.
Bei ernsten Zeichen – etwa Kreislaufinstabilität, stark verlangsamtem Puls, akuter psychischer Gefährdung, ausgeprägter Essstörung oder bestimmten schweren Labor- und Knochensignalen – kann eine sofortige medizinische Beurteilung und Trainingspause nötig sein. Der Wunsch, einen Wettkampf zu retten, steht dann nicht über der Gesundheit.
Prävention beginnt in der Trainingsplanung
Trainingserhöhungen brauchen eine parallele Ernährungsanpassung. Lange Einheiten erhalten Fueling, die erste Mahlzeit danach ist vorbereitet und Doppeltage haben zusätzliche Essensgelegenheiten. Körpergewicht wird nicht als alleinige Leistungskennzahl verwendet.
Trainer:innen und Umfeld sollten Müdigkeit, Zyklusverlust oder extrem restriktives Essen nicht loben. Eine Kultur, in der frühe Warnzeichen angesprochen werden können, ist wirksamer als eine spätere Reparatur nach Stressfraktur oder monatelangem Leistungsabfall.
Fazit
REDs ist kein Synonym für dünn, weiblich oder essgestört. Es beschreibt mögliche Folgen einer problematischen Energieunterversorgung bei sehr unterschiedlichen Sportler:innen. Wer wiederkehrende Warnzeichen ernst nimmt, Ernährung und Training gemeinsam plant und die Diagnose Fachpersonen überlässt, schützt Gesundheit und langfristige Leistung.
Praktische Empfehlungen
Früherkennung im Alltag
1. Dokumentiere neben Training auch Energie, Schlaf, Stimmung, Infekte, Verletzungen, Libido und gegebenenfalls Zyklus.
2. Prüfe bei jeder deutlichen Trainingssteigerung, ob Mahlzeiten und Fueling mitgewachsen sind.
3. Nimm wiederkehrende Knochenbeschwerden und deutliche Zyklusveränderungen früh medizinisch ernst.
4. Vermeide eigenständige Trainings- oder Ernährungsexperimente, wenn mehrere Warnzeichen gleichzeitig auftreten.
5. Nutze den IOC REDs CAT2 nur im vorgesehenen klinischen Kontext, nicht als Selbsttest.
Merksatz: Ein Körper kann Training nur dann verarbeiten, wenn nach dem Training noch genug Energie für Gesundheit übrig bleibt.
Wissenschaftliche Quellen
- Mountjoy et al. (2023): IOC consensus statement on Relative Energy Deficiency in Sport — Originalquelle ↗
- Stellingwerff et al. (2023): IOC REDs Clinical Assessment Tool Version 2 – rationale and validation — Originalquelle ↗
- Ackerman et al. (2023): Primary, secondary and tertiary prevention of REDs — Originalquelle ↗
- Logue et al. (2020): Low energy availability in athletes – review of prevalence and associated outcomes — Originalquelle ↗
- Melina, Craig & Levin (2016): Position of the Academy of Nutrition and Dietetics – Vegetarian Diets — Originalquelle ↗
- West et al. (2023): Nutritional Considerations for the Vegan Athlete — Originalquelle ↗
